*Ähnliches gilt natürlich auch für Österreich <3, wobei das historische Bewusstsein hier ein anderes ist

Letztens noch ich in der Tagesschau gesehen, dass sich das von mir kürzlich von außen besuchte, und neu eröffnete Humboldt Forum in Berlin nun der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte widmet. Laut Generalintendant, wollen sie sich dort mit postkolonialen Kritiken befassen und deren Folgen wie Diskriminierung und Rassismus.

Schön und gut, denke ich mir, leider ein schwacher Trost für den Rassismus und die Ausgrenzung, die ich im Alltag erlebe. Als Person of Color (POC), asiatische Frau oder auch Mensch mit Migrationshintergrund, ist mir allein damit noch nicht geholfen. Es braucht mehr als eine symbolpolitische Museumseröffnung mit gestohlener Kolonialkunst um sich als Gesellschaft bewusst zu werden in was für einem rassistischen System wir eigentlich leben.

So zu tun als gäbe es keinen Rassismus bzw. Rassismus nicht zu thematisieren ist dabei einer der kontraproduktivsten und heuchlerischten Verhaltensweisen. Leider sind es nicht nur Nazis, Rechtsextreme oder reaktionär Konservative, die sich so verhalten. Ja genau, meine liebe links/liberale Bildungsbubble, ihr seid genauso gemeint. Denn ich werde auch hier im vermeintlich politisch-korrekten Bildungsbürgertum nach wie vor in meinem Alltag regelmäßig ‘ge-othered’ bzw. ausgegrenzt und erlebe nicht nur oft genug Alltagsrassismus, sondern muss auch immer wieder erklären, rechtfertigen und beweisen, dass ich Rassismus erlebe und ich mir das nicht nur alles einbilde.

Mein Gegenüber fragt dabei erstaunt und ungläubig ob etwas wirklich so passiert sei, versucht mir zu vermitteln ich würde mir das alles nur einbilden, sei zu empfindlich oder würde das alles “falsch verstehen”. In diesen Momenten erlebe ich psychologische Gewalt. Denn diese Reaktion ist eine Form von Gaslighting oder auch Mobbing und die Folgen davon sind komplexe, schwergradige psychische Erkrankungen. Laut Wikipedia: Als Gaslighting wird in der Psychologie eine Form von psychischer Gewalt bzw. Missbrauch bezeichnet, mit der Opfer gezielt desorientiert, manipuliert und zutiefst verunsichert werden und ihr Realitäts- und Selbstbewusstsein allmählich deformiert bzw. zerstört wird.

Kommentare wie “Die (fremden Menschen auf der Straße) starren bestimmt nur, weil du hübsch bist”, “Das war sicher nicht böse gemeint (von Menschen, die sich rassistisch/ausgrenzend verhalten haben)”, “Ach, das hast du nur falsch verstanden”, “Bist du dir sicher, dass das so abgelaufen ist?”, “Mir passiert sowas nie!”, “Du bist zu sensibel”, “Stell dich nicht so an”, “Andere Menschen mit Migrationshintergrund haben damit kein Problem” helfen mir nicht. Im Gegenteil, meine Wahrnehmung, Interpretation und Gefühle zu einer Situation oder eines Ereignisses werden in diesem Moment für ungültig, falsch oder unwahr erklärt.

Leider höre ich Sätze wie diese immer wieder und finde mich immer wieder in Situationen wo ich von Rassismus berichte und dieser dann ‘weg erklärt’ wird, mir gesagt wird wie ich die Situation zu interpretieren habe und ich quasi ge-whitesplained werde (von ‘Whitesplaining’, laut Urban dictionary: Wenn eine weiße Person einer Person of Color erklärt, wie sie mit einem Thema umgehen soll oder auf ein Thema reagieren soll, oft im Kontext von Rassenbeziehungen und Ungleichheit)

Kein Wunder also, wenn sich viele Rassismus-Betroffene gar nicht zum Thema aussprechen wollen, ihnen wird ohnehin nicht geglaubt oder ablehnend oder sogar wütend entgegnet, und somit werden Betroffene effektiv zum Schweigen gebracht. Die Abwehrhaltung -die weiße Zerbrechlichkeit (White Fragility)- die bei meinem weißen Gegenüber entsteht wenn ich über Rassismus spreche ist so gesehen Psychoterror, der zum Schweigen bringen soll, und letzten Endes ein Instrument um unsere unfaire soziale Ordnung aufrecht zu erhalten.

Die Selbstgefälligkeit der Deutschen

Nur weil die Deutschen den Holocaust aufgearbeitet haben, haben sie noch lange nicht jahrhundertelangen Imperialismus, Eurozentrismus, White Supremacy und andere rassistische Ideologien aufgearbeitet (um wieder an das Humboldt Forum anzuknüpfen). Die anhaltende Ausbeutung des globalen Südens (Hallo Lieferkettengesetz, was ist jetzt?), als auch der Rassismus, stellen das bislang noch nicht hinreichend hinterfragte Erbe der Kolonialzeit dar.

Angesichts der traurigen Geschichte des Nationalsozialismus scheint sich niemand im heutigen Deutschland nur annähernd eingestehen zu können etwas rassistisches gedacht, gesagt oder getan zu haben, aus Angst er könne mit den Menschen und dem Gedankengut des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. Aber wir leben aufgrund der westlichen Kolonialgeschichte in einem rassistischen System indem jeder Mensch gewisse Rassismen, Vorurteile bzw. einen ‘implicit bias’ in sich trägt. Dies abzustreiten hindert uns lediglich daran etwas zu ändern.

Ein User in einem Reddit Thread indem es um Rassismus in Deutschland geht beschreibt es so:

I feel that racism here is a dirty secret. Something you shouldn’t have, something so shameful it is swept under a rug. But there it still lives, and it manifests itself in confusing and underhanded ways because the people saying the racist things truly believe themselves not to be making a racist comment or being discriminatory. They believe they are not being racist, versus racism I have seen in the US or UK has seemed to me to be more that people are racist but do not care and think that racism itself is right.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Solange ich nicht auf offener Straße erschossen, zusammengeschlagen, vergewaltigt, oder offensichtlich ausgegrenzt werde, scheint ihr zu denken, dass alles passt (Mal davon abgesehen, dass es hierzulande mehr als genug rechtsextreme Gewalt gibt; man denke an Hanau, angezündete Flüchtlingsunterkünfte, etc.). Oftmals wird mir auch vermittelt ich solle mich nicht beschweren, in den USA sei es doch “viel schlimmer” (Übrigens, ich habe dort gelebt und fand es in meinem Fall ‘weniger schlimm’). Die Tatsache, dass ich tagtäglich verbale und psychologische Gewalt und Diskriminierung in verschiedensten Formen erlebe, scheint ihr nicht sehen und wahrhaben zu wollen – weil dann gäbe es ja vielleicht Veränderungsbedarf.

Ihr scheint zu denken, dass die ‚tollen politisch korrekten Deutschen‘ keine Rassisten sind und sich sogar aktiv gegen rassistische Handlungen wie körperliche Gewalt, Anfeindungen und Ausgrenzung aussprechen, wie z.B. dieses Video von Quarks demonstrieren soll.

Gut gemacht ihr lieben Deutschen, euch fällt auf wenn von einem auf den anderen Tag Busse aus dem 3. Reich rumfahren. Hier bekommt ihr eine Teilnehmerurkunde für die Disziplin Anti-Rassismus.

Dieses Video mag zwar mal wieder ‘gut gemeint’ sein aber dabei bleibt es auch schon. In Wirklichkeit ist dieses ‘Experiment’ einfach nur plakativ und dient letzten Endes nur dazu die deutschen Gemüter zu beschwichtigen, dass das hier in Deutschland alles Anti-Rassisten sind und es keinen Rassismus gibt. Und kann damit auch kontraproduktiv darin sein Rassismus ernsthaft zu thematisieren und eine eingehendere Debatte über Alltagsrassismus, strukturellen Rassismus, institutionellen Rassismus etc. anzustoßen.

Ich als ‘Person of Color’ kann mir nach diesem Video dann denken “Ah ja gut zu wissen, dass wenn Rassentrennung im Bus eingeführt wird, sich dann auch mal jemand von den Bio-Deutschen zu Wort meldet und was nicht gut findet”. Aber besagte explizite Rassentrennung braucht es gar nicht um mich zu terrorisieren, weil ich allein schon anhand meines Aussehens ge-othered werde. Das scheint ihr bequemerweise zu vergessen, weil ihr ja vermeintlich “keine Hautfarben seht” – aber mich trotzdem oft anders behandelt.

Die verbalen Übergriffe im öffentlichen Raum, der Alltagsrassismus, die unzähligen Mikroaggressionen, die institutionelle und strukturelle Benachteiligung, der sexualisierte Rassismus, die psychologische Gewalt mit der mir die Gesellschaft und auch nahestehende Personen wieder und wieder begegnen, mein Trauma, meine endlosen Gedankenschleifen, meine Frustration, Empörung, Angst, Anxiety, Paranoia, Abscheu, Wut, Trauer, Resignation, und Depression sind dabei nicht Gegenstand dieses Diskurses und können auf diese Weise bequem verdrängt werden.

Das alles darf ich dann im stillen Kämmerchen mit mir selbst ausverhandeln und aufarbeiten weil ihr denkt es gäbe keinen Rassismus bzw. es euch scheinbar nervt “dauernd über Rassismus zu reden” (Ich hab da auch keinen Bock drauf, ist ja nicht mein Job euch aufzuklären!) Was glaubt ihr wie sehr es mich nervt dauernd unfreiwillig Opfer von Rassismus zu sein? Eines eurer Privilegien ist, dass ihr euch nicht ständig mit Rassismus beschäftigen müsst wenn ihr nicht wollt. Ich hingegen habe diese Wahl nicht.

Wenn ich mich also schon so weit öffne und von Dingen aus meinem Alltag erzähle, die mich auf diese Art beschäftigen, möchte ich, dass mein Gegenüber mir in solchen Momenten einfach nur zuhört, mir Empathie entgegenbringt und Mitgefühl oder Empörung äußert. Ich würde mich besser fühlen wenn mein Gegenüber dann Dinge sagt wie “Das muss echt frustrierend sein”, “Ich kann mir gar nicht vorstellen wie nervig das ist”, es reicht sogar schon einfach nur empört oder mitleidig zu schauen, denn ich habe meist keine Lust mich dann auch noch rechtfertigen zu müssen warum mir solche Dinge passieren.

Fragt mich nicht wie mein Tag war, wenn ihr nicht bereit seid zu hören, dass irgendwer sich rassistisch verhalten hat und ich genervt bin. Fragt mich nicht wie ich es in Deutschland finde, wenn ihr nicht bereit seid zu hören, dass ich Deutschland als anstrengend empfinde weil Menschen rassistisch sind. Fragt mich nicht warum ich meinen sozialen Kreis begrenze, wenn ihr nicht bereit seid zu hören, dass ich mich in engen Beziehungen mit weißen Deutschen sehr schwer tue und häufig mißverstanden fühle.

Und versucht nicht eure rassistischen Verhaltensweisen und die eurer MitbürgerInnen ‘weg zu erklären’. Hört endlich auf mit der Heuchelei und damit ganze Personengruppen psychologisch zu manipulieren indem ihr so tut als gäbe es hier keinen Rassismus. Hört auf damit jegliche Verantwortung von euch zu weisen. Und hört endlich auf wegzuschauen und euch mitschuldig zu machen!

Wie seht ihr das? Was sind eure Erfahrungen? Findet ihr das auch belastend, dass Rassismus nach wie vor so ein ‚Tabu-Thema‘ ist?

 

Weiterführende Literatur